30 Jahre UN-Kinderrechtskonvention - 50 Jahre Amt für heilpädagogische Frühberatung



Editorial, von Chiara Dieguez und Manon Juillerat, MIDE Studentinnen, 8. Februar 2019

2019 02 08 ED MIDE munchhausen C Diegez M JuilleratNach den neuesten Zahlen der Schweizerischen Pädiatrischen Gesellschaft belief sich die Zahl der Kinder, die nach nachgewiesener oder vermuteter Misshandlung in Kliniken betreut wurden, im Jahr 2017 auf 1730 Fälle. Neben anderen körperlichen und psychischen Missbräuchen, sexuellem Missbrauch oder Vernachlässigung ist die letzte Untergruppe das Münchhausen Proxy Syndrom (MPS), das nur geringe 0,3% der Fälle ausmacht. Letzteres ist zwar schwer zu erkennen, wird aber immer noch bei durchschnittlich sieben Kindern pro Jahr diagnostiziert.

Das Münchhausen-Syndrom ist eine Form des Missbrauchs, bei der ein Elternteil, in der Regel die Mutter, eine Krankheit für ihr Kind erfindet, verfälscht oder Symptome verursacht, um es vielen medizinischen Verfahren zu unterziehen. Es ist wichtig zu betonen, dass nur die medizinische Versorgung im Mittelpunkt des Interesses der missbrauchenden Eltern steht. Seine Handlungen sind nicht aus anderen Gründen motiviert, wie z.B. dem Wunsch, im Falle einer konfliktträchtigen Scheidung eine ausschließliche elterliche Autorität zu erlangen.

Die Misshandlung beschränkt sich nicht nur auf das emotionale und möglicherweise körperliche Leiden durch den Elternteil. Wiederholte Untersuchungen, medikamentöse Behandlungen oder unnötige Operationen schaden auch der körperlichen und geistigen Gesundheit des Opfers. Obwohl er mit paradoxen oder inkohärenten Signalen konfrontiert ist, bleibt der Arzt seinem hippokratischen Eid treu, indem er glaubt, im besten Interesse des Kindes zu handeln: Er wird dann unwissend zum Folterer des Kindes.

Um die Kontrolle der Eltern über das Kind zu verringern und das Münchhausen-Syndrom so schnell wie möglich durch einen Bevollmächtigten zu erkennen, sollte der Arzt ein aufmerksameres Zuhören der Meinung des Kindes in seine Praxis aufnehmen. Dies wird auch von der Internationalen Konvention über die Rechte des Kindes (Art. 12) und dem Schweizerischen Zivilgesetzbuch (Art. 377 Abs. 3) empfohlen. Darüber hinaus ist eine systematische und multidisziplinäre Betreuung des Kindes erforderlich – einschließlich der Sozialdienste, Psychologen, Kinderärzte usw. – welches auch verhindern würde, dass der Arzt sich mit dem Bedürfnis der Eltern nach pathologischer Betreuung auseinandersetzen muss.

Aber sobald das Syndrom erkannt wird, ist es noch nicht vorbei…

Entgegen der landläufigen Meinung ist der völlige Ausschluss des Täters aus dem Leben eines Kindes nicht die Wunderlösung, um diesem ein erfülltes Leben zu ermöglichen. Um die schädlichen Folgen von Misshandlung zu überwinden und die richtige Entwicklung des Kindes zu gewährleisten, ist es notwendig, dass zwischen den beiden Akteuren ein regelmäßiges Verhältnis besteht, auch wenn der Elternteil zu einer Freiheitsstrafe verurteilt wurde. Diese Treffen müssen jedoch immer in einem überwachten und fürsorglichen Umfeld stattfinden.

Letztendlich ist das Münchhausen-Syndrom eine komplexe Form des Missbrauchs, die es sorgfältig anzugehen gilt. In der Schweiz nicht sehr verbreitet, ist sie dennoch eine nicht zu übersehende Realität: Im Extremfall kann sie zum Tod des Kindes führen.

Siehe das pdfvollständige Artikel mit bibliographische Referenzen (auf Französich).

Bild: Département des Yvelines, flickr/cc

NB: der Inhalt dieses Editorials gibt nicht unbedingt die Meinung der Direktion und des Teams des IDE wieder.

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