30 Jahre UN-Kinderrechtskonvention - 50 Jahre Amt für heilpädagogische Frühberatung



Editorial, von Samuel Morard des MIDE, 24. Januar 2019

2019 01 24 ED singes capucins S MorardDie Primatenforscher Brosnan & de Waal haben braunen Kapuzineräffchen beigebracht, Kieselsteine gegen Nahrung einzutauschen. Zwei Affen erhalten eine Scheibe Gurke und freuen sich darüber. Die Wissenschaftler geben darauf nur einem von ihnen eine leckere Traube. Als der andere erkennt, dass sein Artgenosse für die gleiche Arbeit eine köstlichere Belohnung bekommt, sträubt er sich, das Experiment weiterzuführen. Wenn das eine Äffchen ohne Grund Trauben bekommt, erzeugt das beim benachteiligten Tier einen Wutausbruch. Er schreit und wirft mit Kieselsteinen nach den Forschern. Dies, obschon die Belohnung, die ihm Anfangs genügte, unverändert geblieben ist. Diese Reaktion bestätigt die frühe Entstehung von Abneigung gegenüber jeglicher Ungerechtigkeit: Die Kapuzineräffchen können sich mit einer offensichtlichen ungerechten Behandlung nicht zufriedengeben. Ebenso wie ihr Cousin, der Homo sapiens.

Die Unzufriedenheit entsteht nicht nur durch einen objektiven Mangel, sondern ebenfalls durch das bewusste Erkennen einer ungleichen Behandlung. Albert Einstein hatte richtig geahnt, als er 1949 eine weit verhängnisvollere Explosion als die atomare Kernspaltung voraussah, die Explosion des Wissens: «durch die multiple Formen von technischen Möglichkeiten werden die Ärmsten, die Unglücklichsten verstehen, wozu der Mensch fähig ist und die Mittel erkennen, die sie aus ihrem Elend, ihrer Not befreien könnten. Überall auf der Welt, und zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit, wird sich das Individuum der Absurdität seines Leidens bewusstwerden und auf Grund des Wissens, dass er leidet, noch mehr leiden». Durch das Aufkommen der neuen Technologien im Gebiet der Kommunikation und der Information hat diese Revolution schon längst begonnen. Der Bericht der Unicef «Kinder in einer digitalen Welt» bestätigt, dass immer eine grössere Anzahl von Kindern mit dem Internet verbunden sind. Das erlaubt unendliche Möglichkeiten; das Übereinkommen über die Rechte des Kindes von 1989 achtet in der Tat auf das Recht auf Information, gemäss dessen die Staaten die Rolle der Medien anerkennen und sich vergewissern, dass jedes Kind Zugang zu allen Informationen bekommt, die das Kindeswohl fördern (Art. 17). Obwohl die modernen Technologien dazu neigen, die durch Zeit und Raum entstandenen Hindernisse zu glätten, bleiben die Diskriminierungen zahllos und die sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheiten vertiefen sich, worauf der Bericht von 2018 über die weltweiten Ungleichheiten hinweist. Ebenso wie die Angaben der OECD zum Kindeswohl, hebt der Rapport der UNICEF «Chancengleichheit für jedes Kind» grosse Differenzen zwischen den Kindern hervor, trotz der Tatsache, dass die Kinderrechtskonvention das Recht auf Nichtdiskriminierung anerkennt (Art.2). In diesem Bericht weist Kailash Satyarthi auf ein Kind hin, «ganz klein und mager», das beschwerlich arbeitet und ihn fragt: «Ist diese Welt so arm, dass sie mich dazu zwingen muss, mit einer Waffe oder einem Werkzeug zu hantieren, anstatt mir ein Spielzeug oder ein Buch zu schenken?».

Wie soll man sich mit einer Gurke zufriedengeben während sich andere hinter ihrem Bildschirm mit köstlichen Trauben vollstopfen? Es muss alles in die Wege geleitet werden, damit jedes Kind von seinem Recht Gebrauch machen kann und zu gleichen Bedingungen zu den Gütern, die unsere Welt bietet, Zugang hat.

Bild: pxhere/no copyright 

NB: der Inhalt dieses Editorials gibt nicht unbedingt die Meinung der Direktion und des Teams des IDE wieder.

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